Organisationale Kriminalität und Systemische Korruption in Brasilien

Überblick
“Operation Car Wash”, das größte Ermittlungsverfahren in der Geschichte Brasiliens, deckte das langandauernde korrupte Zusammenspiel des privaten und des öffentlichen Sektors auf. Kriminologische Studien zu Wirtschaftskriminalität und Korruption beschäftigen sich zumeist mit der Idee der “bad apples” und der komplementären “rotten barrels”. Korruptes Verhalten wird oft individuellen Charakteristiken wie Gier nach persönlicher Bereicherung, einer mangelnden Selbstkontrolle und devianter Persönlichkeitsmerkmale zugeschrieben. Dem Phänomen in Brasilien nähern sich viele Studien in der lateinamerikanischen und brasilianischen Literatur hingegen aus kultureller Perspektive und suggerieren, dass systemische Korruption auf historisch-kulturelle Ereignisse und makro-institutionelle Faktoren zurückgeht.

Internationale Studien zu aktiver Korruption zeigen nichtsdestotrotz, dass die meisten Bestechungsgeldzahler hochrangige, gut ausgebildete und gutbezahlte Manager sind. Sie begehen Verbrechen unter Inkaufnahme hoher persönlicher Risiken, sind aber nicht primär durch Gier nach persönlicher Bereicherung motiviert. Bis das Verbrechen aufgedeckt wird, können die Handlungen als brauchbar für die Organisation verstanden werden.

Das Ziel dieses Forschungsprojekts – auch geführt durch das theoretische und methodologische Design – ist es nicht, diejenigen freizusprechen, die diese organisationalen Handlungen aufrechterhalten haben – insbesondere, wenn Verbrechen begangen wurden – sondern vielmehr zu erklären, wie es dazu kam und warum es unter Umständen schwierig für Organisationen ist, diese Form von Devianz zu verhindern.

Aus einer kriminalrechtlichen Perspektive ist es notwendig, den Rechtsverstoß zu verstehen und zu überprüfen, ob die Nützlichkeit des Verhaltens als Indikator dafür ist, dass traditionelle, normative Konzepte und Regulierungsrahmen in ihrem Versuch, um Wirtschaftskriminalität und illegale Wahlkampffinanzierung zu verhindern, veraltet sind. Eine verächtliche Einstellung von Unternehmen und politischen Organisationen (politische Parteien) gegenüber dem Recht – ob wegen unverhältnismäßige und unpraktische Regeln oder Verachtung angesichts des legitimen Schutzes der Marktgrundlagen - könnte auf die Notwendigkeit einer erneuten Evaluation der Gesetzgebung und des Corporate Governance Rahmenwerks hinweisen sowie die Herausforderungen für die Regulierungsbereiche innerhalb von Organisationen klären..

Forschungsdesign
Zu diesem Zweck werden offizielle Dokumente wie bspw. abgeschlossene Kriminalverfahren, aber auch Fälle illegaler Wahlkampffinanzierung untersucht. Im Rahmen eines Mehrebenenverfahrens der Institutionenanalyse sowie einer Kombination aus quantitativer und qualitativer Methoden kartieren wir wichtige Änderungen im institutionellen Umfeld der brasilianischen Justiz und beziehen sie auf organisatorische Formen der Korruption in Wirtschaft und Politik sowie auf die Deutungsmuster der Täter.

Generelle Fragen
Durch die Analyse aktueller und vergangener Korruptionsfälle zielt das Forschungsprojekt darauf ab, herauszufinden:
(1) wie das System der wirtschaftlichen und politischen Korruption funktioniert?
(2) wie wirksam die institutionellen und organisationalen Veränderungen bei der Bekämpfung von Korruption und Organisationsdelikten sind?
(3) Welche Rolle spielen die Strafverfolgung und das Antikorruptionsregime bei Veränderungen des auf der Ebene der politischen und wirtschaftlichen Organisationen verankerten Korruptionsmusters sowie des kollektiven Deutungsmusters?

International Partners
Prof. Dr. Wagner Pralon Mancuso, Universidade de São Paulo (USP), São Paulo, Brasilien
Prof. Dr. Bruno Wilhelm Speck, Universidade de São Paulo (USP), São Paulo, Brasilien
Prof. Dr. Paulo Roberto Neves Costa, Universidade Federal do Paraná (UFPR), Curitiba, Brasilien
Professor Dr. Rodrigo Rossi Horochovski, Universidade Federal do Paraná (UFPR), Brasilien
Professor Dr. Conrado Hübner Mendes, University of Sao Paulo (USP), Brasilien
Professor Dr. Vanessa Elias de Oliveira, Federal University of ABC (UFABC), Brasilien
Fabiana Alves Rodrigues, Federal Richter von Sao Paulo, Graduate Program in Political Science, University of São Paulo (USP), Brasilien