Geschichte des MWI

Foto: Friederike Elias

Die Geschichte der Soziologie an der Universität Heidelberg zerfällt in mehrere Phasen, wobei in einer mehr als einhundertjährigen Entwicklung das Fach in seinem heutigen disziplinären Verständnis erst in der letzten Phase seinen institutionellen Ausdruck fand.

Erste Phase: 1897 bis 1960

Die erste Phase beginnt mit der Berufung Max Webers auf ein Ordinariat für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft und mit der Aufnahme seiner Lehrtätigkeit im Sommersemester 1897. Er trat die Nachfolge von Karl Knies an, der, nach den Veränderungen während des 19. Jahrhunderts, die einzig noch verbliebene Professur für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft an der Philosophischen Fakultät der Universität Heidelberg versehen hatte. Im Zusammenhang mit seiner Berufung gelang es Max Weber, ein Volkswirtschaftliches Seminar einzurichten und ein zweites Ordinariat zu errichten. An seinem Volkswirtschaftlichen Seminar wurden auch soziologisch ausgerichtete Dissertationen geschrieben, und das zweite Ordinariat, um das er allerdings länger kämpfen musste und auf das er gerne Werner Sombart berufen hätte, wurde schließlich im Jahre 1900 mit dem Japanexperten Karl Rathgen besetzt. Nach Max Weber krankheitsbedingtem Rücktritt von seinem Ordinariat im Jahre 1903 trat der Kultur- und Wirtschaftshistoriker Eberhard Gothein an seine Stelle. Auf Karl Rathgen folgte im Jahre 1907 Max Webers Bruder Alfred auf dem zweiten Ordinariat. Er war kultursoziologisch ausgerichtet und verstand Nationalökonomie als Teil der umfassend verstandenen Sozial- und Staatswissenschaften. Folgerichtig wirkte er darauf hin, das von seinem Bruder gegründete Volkswirtschaftliche Seminar in ein Institut für Sozial- und Staatswissenschaften zu überführen (1924) und die Bezeichnung seines Ordinariats um Soziologie zu erweitern (1926). Es war das erste Mal, dass die Bezeichnung Soziologie an der Universität Heidelberg auch formal in Erscheinung trat.

Inhaltlich freilich hatte sich die Soziologie in Heidelberg nicht zuletzt durch das Wirken der beiden Webers, aber auch Emil Lederers, des späteren ersten Dekans der University in Exile in New York, zu einem auch international wahrgenommenen Schwerpunkt soziologischer Forschung entwickelt. Max Weber galt als der ‚Mythos von Heidelberg‘, Alfred Weber trieb den institutionellen Ausbau voran. Auch Marianne Weber ist in diesem Zusammenhang zu nennen. Sie sorgte nach dem Tode von Max im Jahre 1920 für die Bewahrung seines Werks. In der Weimarer Republik avancierte das Institut für Sozial- und Staatswissenschaften zu einem bekannten Zentrum, das junge Wissenschaftler aus dem In- und Ausland anzog. Verwiesen sei etwa auf Karl Mannheim, der hier die Grundlagen seiner Wissenssoziologie legte, sowie auf seinen Mitarbeiter Norbert Elias, der später, mit seiner Studie über den Zivilisationsprozess, weltweite Anerkennung fand. Zu nennen ist aber auch Talcott Parsons, der als Austauschstudent nach Heidelberg kam und hier promoviert wurde. Er machte das Werk Max Webers in der angloamerikanischen Welt bekannt und stieg selbst in den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts zu einem der führenden Soziologen der Welt auf.

Die Machtergreifung der Nationalsozialisten brachte auch für die Soziologie in Heidelberg einen tiefen Einschnitt. Karl Mannheim und Emil Lederer, die Heidelberg allerdings zuvor schon verlassen hatten, wurden in die äußere Emigration gezwungen, Alfred Weber ging nach dem berühmten Flaggenstreit in die innere Emigration. Er war es denn auch, der nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes die Soziologie im alten Rahmen wiederbelebte, allerdings ohne den Anschluss an die inzwischen eingetretenen internationalen Entwicklungen im Fach zu finden. Um sein unvergleichliches Wirken für die Universität Heidelberg zu würdigen, wurde 1948 das alte Institut für Sozial- und Staatswissenschaften in Alfred Weber-Institut für Sozial- und Staatswissenschaften umbenannt.

Zweite Phase: 1960 bis 1976

Mit der Gründung eines Instituts für Soziologie und Ethnologie im Jahre 1960 begann die zweite Phase der Soziologie in Heidelberg. Anlass für diese Neugründung war die Berufung von Wilhelm Emil Mühlmann, der Soziologie mit Ethnologie verband. Auf das zweite Ordinariat wurde 1962 Ernst Topitsch berufen, ein Sozialphilosoph, der Soziologie in erster Linie aus dieser Perspektive lehrte. Topitsch verließ das Institut 1969 wieder, und Mühlmann ließ sich 1970 emeritieren. Beides waren Reaktionen auf die in dieser Zeit virulenten Studentenbewegung in Heidelberg.

Der Rückzug der beiden Ordinarien hatte zur Folge, dass ein Ringen um die Wiederbesetzung der beiden Ordinariate ausbrach, was 6 Jahre dauerte. Entweder konnten sich die zuständigen Gremien nicht auf eine Berufungsliste einigen, oder die Berufenen lehnten den an sie ergangenen Ruf ab. Als besonders schwierig erwies sich der Versuch, einen Nachfolger für die von Mühlmann vertretene Fächerkombination zu finden. Im Jahre 1975 stand dann das Institut selbst zur Disposition. Die damalige Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften unternahm in diesem Jahr einen letzten Versuch, eine Lösung für die Personalfrage zu finden. Sie bediente sich dafür der Expertise der Universität Mannheim, an der im Laufe der 60er Jahre eine international anschlussfähige Soziologie entstanden war.

Dritte Phase: 1976 bis heute

Damit wurde die dritte Phase der Soziologie in Heidelberg eingeleitet. Denn dieser Versuch gelang, wenn auch zunächst nur zum Teil. 1976 übernahm Wolfgang Schluchter das eine Ordinariat, musste aber, nachdem der Erstplazierte für das zweite Ordinariat abgesagt hatte, die Streichung des zweiten Ordinariats hinnehmen. Auf seine Forderung hin wurde 1977 die Soziologie institutionell von der Ethnologie getrennt und das Institut in Institut für Soziologie umbenannt. Ihm gelang es schließlich, im Jahre 1979 das zweite Ordinariat wiederzugewinnen und es mit M. Rainer Lepsius prominent zu besetzen. Dem Institut wurde dann 2011 der Name Max Weber hinzugefügt.

Tatsächlich hatte sich das neue Institut inzwischen zu einem Zentrum der Max Weber-Forschung entwickelt. Schluchter gelang es, eine Max-Weber-Gastprofessur einzurichten, zusammen mit Lepsius große Teile der Max Weber-Gesamtausgabe zu edieren und mit ihm und einer Reihe von Mitarbeitern ein weberianisches Forschungsprogramm zu konzipieren und zu verfolgen. Darüber hinaus wurde in dem neuen Institut Wert auf eine ständige Erweiterung der Gebiete in Forschung und Lehre gelegt. Heute besteht es aus 5 Professuren, deren Inhaber ein breites Spektrum des Faches Soziologie behandeln. Institutionengeschichtlich gesehen reicht also die Geschichte der Soziologie in Heidelberg von der Gründung des Volkswirtschaftlichen Seminars durch Max Weber über die Gründung des Instituts für Sozial- und Staatswissenschaften durch Alfred Weber und die Gründung des Instituts für Soziologie und Ethnologie durch Wilhelm Emil Mühlmann bis zur Gründung des Instituts für Soziologie durch Wolfgang Schluchter.