Die Konzentrationslager in Nordkorea – Vernichtung mit bürokratischer Effizienz?

Von Markus Pohlmann

Animationen: Shin wird wochenlang verhört und gefoltert
Pressefoto aus dem Film: "CAMP 14 - Total Control Zone"

Wer dachte, Konzentrationslager sind Geschichte, hat sich leider getäuscht. Denn auch in Nordkorea gibt es heute noch Konzentrationslager, die als Vernichtungslager politischer Gefangener geführt werden. Die nordkoreanischen Konzentrationslager existieren mittlerweile doppelt so lange wie die sowjetischen Gulags und zwölfmal so lange wie die deutschen Konzentrationslager (Harden 2012: 19). Aber auch in China wurde die Umerziehung durch Arbeit – „Laojiao“ – erst vor drei Jahren abgeschafft. Bis 2013 durfte die Polizei in China missliebige Personen ohne Gerichtsurteil für ein bis vier Jahre in ein Lager mit Zwangsarbeit stecken. Ähnliche Strafformen mit Zwangsarbeit existieren heutzutage auch noch in anderen sozialistischen Ländern, wie etwa in Vietnam und Kuba. Doch sie werden nicht mehr, wie jene in Nordkorea, als Vernichtungslager geführt.

Im Falle der nordkoreanischen Lager stellt sich für Sozialwissenschaftler, ebenso wie bei den nationalsozialistischen Konzentrationslagern, die Frage, ob hier die Vernichtung politischer Gefangener mittels bürokratischer Effizienz betrieben wird oder ob es vielmehr die terrorisierende Willkür absoluter Macht ist, die dahintersteht. Haben wir es mit einer formal rationalen Organisation zu tun, die sich als geeignetes Instrument für menschenvernichtende politische Zwecke erweist?

Da Nordkorea die Existenz der Konzentrationslager leugnet, ist man auf Zeugenaussagen von Häftlingen oder Wachen angewiesen, denen die Flucht gelungen ist. Gegenwärtig wird vom UN-Bericht sowie dem Human Rights-Bericht der Korean Bar Association davon ausgegangen, dass es fünf Konzentrationslager mit 80.000 bis 120.000 Gefangenen in Nordkorea gibt. Ein kleiner Teil von diesen ist in sogenannten „revolutionary zones“ untergebracht, die sie, nach einer ideologischen Umerziehung und unter Aufsicht des State Security Department (SSD) gestellt, wieder verlassen können.

Total Control Zones - Folter, Vergewaltigungen, Exekutionen

Der weitaus größte Teil der Gefangenen befindet sich in „total control zones“ mit nur geringer Aussicht, diese jemals lebend verlassen zu können. Diese Lager stehen unter Aufsicht der nordkoreanischen Staatssicherheit. Die Inhaftierten sind meist politische Gefangene. Aussagen gegen die Partei, gegen einen der verstorbenen Diktatoren oder gegen den amtierenden „Obersten Führer“ Kim Jong-un reichen ebenso wie Telefonate mit Südkorea aus, um in ein Konzentrationslager zu kommen. Nicht selten werden die unmittelbaren Familienmitglieder mitinhaftiert, wobei sich aber Eheleute scheiden lassen können, um diesem Schicksal zu entgehen. Eine nach Südkorea geflohene Wache beschreibt die Art der Inhaftierung wie folgt: “They all told me that one night when they were in bed, suddenly [State Security Department agents] came to their house and they got arrested… I was taught that the inmates were bad people. But these people, I found out, had no idea why they were there” (UN-Report 2014: 209). Oft werden sogar die Enkel für die vermeintlichen Verbrechen ihrer Großeltern bestraft. Im Lager werden die Inhaftierten zu harter Arbeit in Kohleminen, in der Landwirtschaft und in Industriebetrieben gezwungen. Hunger ist allgegenwärtig, da die Rationen kaum zum Leben reichen.

Nach Zeugenaussagen sind die Lagerregeln sehr strikt und wer gegen sie verstößt, kann jederzeit hingerichtet werden. Ein übergelaufener Wärter berichtet, dass in den Konzentrationslagern, “the inmates are no longer registered citizens, so you do not need a law to decide the sentences. The bowibu [SSD] agent is the person who decides whether you are saved or you are executed. There are no other criteria other than his words. [The inmates] are already eliminated from society.” (UN-Report 2014: 233). Die Willkür des Wachpersonals ist immens und ihre eigene Regelgebundenheit eher gering. Soweit man weiß, wird das Wachpersonal oft in jungen Jahren rekrutiert, ideologisch geschult und in einen paramilitärischen Verband integriert, der dem Ministerium für Staatssicherheit untersteht. Berichtet wird über den Umgang mit den Inhaftierten im Falle eines Krieges oder eines Sturzes des Regimes. In beiden Fällen sollen alle Unterlagen sowie alle Häftlinge schnellstmöglich vernichtet werden. Auch hier dient die Aktenführung offensichtlich der terroristischen Willkür, deren Nachvollzug gerade nicht möglich sein und werden soll. Einem Wärter zufolge lernt das Wachpersonal in seiner Ausbildung vor allem Techniken zur Niederschlagung von Aufständen, Selbstverteidigung und Strafen. Die Häftlinge seien nicht als Menschen anzusehen und man dürfe kein Mitgefühl zeigen (vgl. UN-Report 2014; siehe auch Harden 2012: 57). Entsprechend groß ist nach Zeugenaussagen auch die Bereitschaft des Wachpersonals, körperliche Strafen, Vergewaltigungen und willkürliche Exekutionen vorzunehmen. Auch hier wiesen die Zeugenaussagen darauf hin, dass wir es mit einer Form der Machtausübung zu tun haben, die ebenso wie in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern auf Willkür, totale Bestimmung und Etikettierung gebaut und keinen größeren Legitimationszwängen unterworfen ist. Die Etikettierung in drei Klassen hilft dabei, die Angehörigen der als „oppositionell“ und „reaktionär“ titulierten dritten Klasse zu vernichten: „Die Theorie hinter den Lagern besteht darin, die Nachkommen der Menschen mit falschem Bewusstsein bis in die dritte Generation zu läutern“ (Aussage eines ehemaligen Wärters, zitiert in: Harden 2012: 57). Deswegen werden auch die weiblichen Opfer von sexuellen Übergriffen, die schwanger wurden, mitsamt ihren Neugeborenen häufig umgebracht.

Perversion einer bürokratischen Organisation

Im Falle der nordkoreanischen Konzentrationslager sehen wir nach den vorliegenden Informationen und Zeugenaussagen keine formal rationale Organisation oder Bürokratie am Werke, sondern es handelt sich um eine totalitäre Anstalt. Nicht Regelhaftigkeit, sondern Willkür, nicht Herrschaft, sondern absolute Machtausübung mit unbedingtem Gehorsam geben den Ton an. Nicht geschultes Verwaltungspersonal, sondern paramilitärische Verbände der Staatssicherheit stellen das Personal. Es dominiert eine absolute und terrorisierende Machtausübung, die bürokratische Prinzipien allein zu ihrer Legitimation nutzt. Das Prinzip der Aktenführung und Aktenmäßigkeit wird dabei ad absurdum geführt.

Aus dieser Perversion einer rationalen bürokratischen Organisation kann man allerdings umgekehrt lernen, worin das Wertvolle der von uns viel gescholtenen Bürokratie liegt. Adorno, sicherlich kein Freund der verwalteten Welt, hat dies bereits früh benannt: In der rationalen bürokratischen Organisation verbirgt sich eben auch, so schrieb er 1953, „ein Element von Gerechtigkeit, ein Stück Garantie dafür, dass dank solcher Beziehung auf das Allgemeine nicht Willkür, Zufall, Nepotismus das Schicksal eines Menschen beherrschen“ (Adorno 1953: 447). Die Bürokratie bleibe zwar, so Adorno weiter, der Sündenbock der verwalteten Welt, doch zugleich sei die Angst hinter dieser Klage nicht ein Zuviel, sondern ein Zuwenig an rationaler Organisation, aus dem dann Krieg, Krisen oder Terror resultierten (ebd.: 446). Denn bürokratische Organisationsformen, das kann man von Adorno heute noch lernen, beinhalten für uns Bürger immer beides: eine oft schwer verständliche, umständlich erscheinende Behandlung nach Schema F, aber auch einen Anspruch auf Gleichbehandlung und Verfahren, die für alle gelten.

Natürlich leisten dies Bürokratien keineswegs immer. Abweichungen von formalen Regeln sind Normalität für alle Organisationen. Zu große Abweichungen aber können skandalisiert, und unter den Bedingungen der Rechtsstaatlichkeit kann gegen als ungerecht oder als falsch empfundene Verwaltungsakte geklagt werden. Davon ist Nordkoreas Diktatur jedoch weit entfernt. Seine auf Vernichtung ausgerichteten Zwangsanstalten für politische Gefangene kann es ebenso wie seine Teilstaatsgrenzen derzeit nur aufrechterhalten, weil China dies duldet. Schließlich stehen sich am 38. Breitengrad mit den USA und China sowie den dazugehörigen koreanischen Teilstaaten zwei Supermächte gegenüber – weswegen China Nordkorea nach wie vor als strategische Pufferzone nutzt. Erst wenn diese Machtkonstellation sich ändert, können die politischen Gefangenen in Nordkorea wieder hoffen und kann Korea einen Schritt in Richtung Wiedervereinigung gehen. Doch dies scheint derzeit, auf traurige und tragische Weise, noch in ferner Zukunft zu liegen.

Weiterführende Informationen

  1. Pohlmann, Markus (2016): Soziologie der Organisation. Eine Einführung. 2. Auflage. UVK Verlagsgesellschaft mbH.
    In der überarbeiteten Neuauflage finden Sie zahlreiche neue Beispiele zu aktuellen Fällen organisationaler Devianz – von den Transplantationsskandalen über die organisatorischen Hintergründe von Minenunglücken bis zur Korruption in der Wirtschaft.
  2. Der Film “Camp 14 – Total Control Zone” aus dem Jahr 2012 ist eine eindrucksvolle Dokumentation über das Schicksal des Straflager-Insassen Shin Dong Hyuk im Internierungslager Kaech’ŏn (Camp 14) in Nordkorea.
  3. Blaine Harden (2012): Flucht aus Lager 14. Die Geschichte des Shin Dong-hyuk, der im nordkoreanischen Gulag geboren wurde und entkam, DVA 2012.

 

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