Forschungsprogramm
Die Zivilgesellschaft hat sich mittlerweile zu einem zentralen Gegenstand der sozialwissenschaftlichen Diskussion entwickelt. Der "Dritte Sektor" erlebt seit Jahrzehnten weltweit ein beispielloses Wachstum. Vieles deutet darauf hin, dass zivilgesellschaftliche Strukturen auch für die politische und wirtschaftliche Entwicklung von entscheidender Bedeutung sind. Dennoch stimmen die meisten Autoren darin überein, dass das Konzept der Zivilgesellschaft in hohem Maße unscharf ist, teilweise mit unrealistischen Erwartungen überfrachtet und eine große Zahl von unterschiedlichen – teilweise widersprüchlichen – Ideen und Werten reflektiert (Rödel 1996; Croissant, Lauth et al. 2000). Die Zivilgesellschaft bildet demnach ein Gegengewicht zum Staat, stärkt die Autonomie und Selbstverantwortlichkeit der Bürger, setzt staatlichem Despotismus Grenzen, fördert den sozialen Gemeinsinn, kompensiert Steuerungsdefizite des Marktes, stärkt den weltanschaulichen Pluralismus und schafft die Grundlagen für eine stabile demokratische Entwicklung. Diese vielfältigen Funktionszuschreibungen konvergieren in einem normativen Leitbild, demzufolge zivile Tugenden wie "das prinzipielle Bekenntnis zur Gewaltfreiheit sowie weltanschaulicher, religiöser und politischer Toleranz jenen normativen Grundkonsens [bilden; d. Verf.], den Akteure akzeptieren müssen, damit sie als Teil der Zivilgesellschaft gelten können" (Croissant, Lauth et al. 2000).
In der einschlägigen Literatur finden sich aber auch zahlreiche Hinweise auf potenzielle "Schattenseiten" der Zivilgesellschaft. Im Zentrum der Kritik stehen dabei zumeist Fundamentalismus, Gewaltbereitschaft, Korruption, Intoleranz und andere Formen der sozialen und politischen Ausgrenzung (Roth 2004). Als Ursache werden oft ein Mangel an "ziviler" Gesinnung, die pfadabhängige Entwicklung zivilge-sellschaftlicher Organisationsformen und restriktive makrostrukturelle und institutionelle Handlungskontexte diagnostiziert (Walzer 1992; Clemens 2006).
Aus soziologischer, politikwissenschaftlicher und ökonomischer Perspektive verweisen die Tugenden der Zivilität (Toleranz, Gewaltfreiheit, Gemeinsinn etc.) sowie die hohen Erwartungen hinsichtlich der partizipationssteigernden, freiheitssichernden, demokratiestärkenden und wohlfahrtsförderlichen Rolle der Zivilgesellschaft auf bestimmte Leitideen des sozialen Umgangs und der Kooperation. Dementsprechend lässt sich die Zivilgesellschaft als ein Leitbild charakterisieren, das sich am Eigenwert der Gesellschaftsbildung im Sinne eines Strebens nach der Verwirklichung bestimmter Leitideen des sozialen Umgangs orientiert. Soweit die Umsetzung dieser Leitideen immer an bestimmte religiöse, politische, ökonomische etc. Interessen gebunden ist, stößt der Eigenwert der Gesellschaftsbildung und Kooperation jedoch unweigerlich an Grenzen. Mit dieser Problematik wird sich das geplante Promotionskolleg beschäftigen. Dabei soll das Konzept der Zivilgesellschaft ausdrücklich nicht dekonstruiert werden. Das Hauptaugenmerk liegt vielmehr auf den kulturellen und strukturellen Widersprüchen und Ambivalenzen, die immanent mit der Institutionalisierung des Leitbilds und damit der kausalgenetischen Entwicklung realer Zivilgesellschaften verbunden sind. Vieles spricht dafür, dass sowohl die begrifflichen Unschärfen im Umgang mit der Zivilgesellschaft, als auch ihr relativ geringer Institutionalisierungsgrad (im Vergleich zu anderen sozialen Sphären) eng mit dieser Problematik verbunden sind. Soweit dazu praktisch keine theoretischen oder empirischen Studien bisher vorliegen, leistet das geplante Kolleg einen Beitrag zur Schließung einer bedeutenden Forschungslücke in allen beteiligten Disziplinen.
