Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
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Das Max-Weber-Institut fuer Soziologie

Soziologie

Handeln, insbesondere soziales Handeln, deutend zu verstehen und dadurch ursächlich zu erklären, darin besteht nach Max Weber (1864-1920), einem der Gründer des Faches, die Aufgabe der Soziologie. Diese richtungweisende Umschreibung enthält wichtige Hinweise, um die Stellung der Soziologie im Wissenschaftskosmos zu bestimmen: Sie ist keine normative, sondern eine theoretisch-empirische Disziplin, und als solche ist sie nicht in erster Linie Natur- oder Kulturwissenschaft, sondern Handlungswissenschaft. Mit den Naturwissenschaften verbindet sie der Erklärungsanspruch, mit den Kulturwissenschaften, dass seine Erfüllung immer auch Sinndeutung einschließt, weil alles Handeln einen Sinnbezug aufweist, also außer in einem Natur- in einem Kulturzusammenhang steht. Soziologinnen und Soziologen sind deshalb gezwungen, sich zunächst auf den Standpunkt der von ihnen beobachteten handelnden Personen zu stellen, den Sinn, den diese mit ihrem Handeln verbinden, »von innen heraus« zu erschließen, freilich nicht, um dabei zu verharren, sondern um ihn in überindividuelle Zusammenhänge einzuordnen. Diese aber erstrecken sich nicht allein auf die unverstehbaren, nur der Beobachtung zugänglichen äußeren Bedingungen des Handelns, sondern auch auf seine verstehbaren inneren Bedingungen, auf die »objektiven« Sinnzusammenhänge, in die ein subjektiver Sinnbezug eingebettet ist. Wie jede Handlungswissenschaft muss die Soziologie also den Natur- und den Kulturbezug des Handelns berücksichtigen. Doch interessiert sie sich vor allem für seinen Sozialbezug. Zwar ist nicht alles Handeln soziales Handeln. Doch zum einen hat der Erwerb von Handlungskompetenz selbst soziale Voraussetzungen, zum andern spielt sich der größere Teil des Handelns in sozialen Zusammenhängen ab. Sobald sich mehrere Handelnde aufeinander einstellen, ihre Handlungspläne koordinieren, entstehen soziale Beziehungen. Die Eigenschaften solcher Beziehungen lassen sich nicht mehr einfach als Summe der Eigenschaften verstehen, mit denen wir Handeln oder auch soziales Handeln beschreiben. Hierarchie, Solidarität, Herrschaft sind Beispiele für Eigenschaften, die nur soziale Beziehungen haben können. Soziale Beziehungen können nun in verschiedenem Grade anonym sein und damit von konkreten Personen oder konkreten sozialen Gruppen unabhängig werden. Ihr Sinngehalt ist auch mehr oder weniger explizit in Regeln formuliert, deren Einhaltung nicht nur erwartet, sondern auch durchgesetzt wird. Dann spricht man von sozialen Gebilden (Ordnungen, Organisationen, häufig auch Systemen). Sie stehen untereinander in Funktionszusammenhängen. Obgleich sie nur die Chance bezeichnen, dass ein bestimmt geartetes Handeln tatsächlich abläuft, dürfen zum Beispiel die Bedingungen der Handlungsrationalität nicht einfach mit denen der Ordnungs- oder Organisationsrationalität gleichgesetzt werden. Die Begriffe Handlung, Ordnung und Organisation markieren Wirklichkeiten je eigener Qualität. Die Soziologie versucht, solche aus dem Sozialbezug des Handelns entstehenden Wirklichkeiten zu identifizieren und die Effekte, die sie aufeinander ausüben, zu erhellen. Insofern ist sie als Handlungswissenschaft auch Ordnungs- und Organisationswissenschaft, die sich um die Aufklärung des Verhältnisses von Handlung und Struktur (Ordnung, Organisation) bemüht. Menschen sehen sich sozialen Gebilden gegenüber, die ihnen bis zu einem gewissen Grade äußerlich und zwanghaft sind. Sie können ihnen aber auch innerlich und erstrebenswert werden. Emile Durkheim (1858–1917), ein anderer Gründer des Faches, bestimmt allgemein soziale Tatsachen durch diese vier Merkmale. Er verbindet damit zugleich die Vorstellung, dass diese die Menschen prägen, dass sie also »Erzieher« sind. Darüber hinaus verteilen sie Lebenschancen, wodurch sie in der Regel Ungleichheit erzeugen. Es gehört zu den wichtigsten Aufgaben der Soziologie, die Prägekraft von sozialen Gebilden und die Ursachen der Ungleichheit aufzudecken, die sich aus der Stellung des Einzelnen zu ihnen ergibt, und zu prüfen, welche sozialen Formationen (Klassen, Stände etc.) sich daraus entwickeln und in welche Richtung sie sich verändern. Hier folgt die Soziologie einer Fragestellung, wie sie zunächst vor allem von Karl Marx (1818–1883) formuliert wurde. Seit er den ökonomisch bedingten Klassencharakter sozialer Gebilde betonte, wurde dieser Gesichtspunkt auch auf nicht-ökonomische Ordnungen und Organisationen übertragen und in vielfältiger Weise modifiziert. Die Namen Karl Marx, Emile Durkheim und Max Weber, die hier beispielhaft erwähnt wurden, stehen freilich nicht so sehr für sich ergänzende Beiträge, als vielmehr für konkurrierende Forschungsprogramme. Ihre Antworten auf die Grundfragen der Methode (Verstehen versus Erkennen) und der Theorie (Handlung versus Struktur) fallen verschieden aus. Seit diese Forschungsprogramme formuliert wurden und teilweise Schulen bildend wirkten, sind neue hinzugekommen. Die Soziologie ist deshalb heute ein Fach, das vor allem durch methodischen und theoretischen Pluralismus gekennzeichnet ist.

Soziologie in Heidelberg

In Heidelberg wird dem Forschungsprogramm Max Webers besondere Aufmerksamkeit gewidmet, ohne dass allerdings andere Ansätze vernachlässigt würden. Es gehört vielmehr zu den Lernzielen des Faches, dass die Fähigkeit, verschiedene theoretische Ansätze zu durchschauen und zu beherrschen, mittels Ideenkonkurrenz eingeübt wird. Der verstehenden Soziologie Max Webers kommt aber eine herausgehobene Stellung insofern zu, als am Heidelberger Institut Teile der Max-Weber-Gesamtausgabe ediert werden und als das Institut ein Anziehungspunkt für Max-Weber-Forscher aus dem Ausland, insbesondere aus Japan, ist. Wichtiger als die Rezeption des Weberschen Werkes und seiner wissenschafts-, sozial- und lebensgeschichtlichen Bezüge ist seine Weiterentwicklung in theoretischer, methodischer und sachlicher Hinsicht. Theoretisch werden die Anregungen, die von den neueren Sprach- und Systemtheorien kommen, eingearbeitet, methodisch die neueren hermeneutischen Ansätze berücksichtigt, sachlich geht es darum, die vergleichende Religionssoziologie zu einer vergleichenden Kultursoziologie von Gegenwartsgesellschaften zu erweitern. Dies schließt insbesondere auch die vergleichende Untersuchung von Organisationskulturen ein. Überhaupt ist ein weiteres wichtiges Lernziel, den vergleichenden Blick zu schulen. Soziologie ist in erheblichem Maße eine vergleichende Wissenschaft. Daneben werden die Grundlagen des Faches in ihrer ganzen Breite vermittelt. Dies betrifft die Schwerpunkte Person und soziales System (Interaktion und Sozialisation), Struktur und Wandel sozialer Systeme (Markt und Organisation, Bürokratie, Profession, Demokratie) und den Vergleich von Gegenwartsgesellschaften, wobei die Umbruchsphase Deutschlands in der Folge des Zweiten Weltkriegs und die Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland ebenso berücksichtigt werden wie der europäische Einigungsprozess. Diese Schwerpunkte werden teilweise vertieft, auch unter berufspraktischen Aspekten. Hinzu tritt die forschungspraktische Ausbildung in den Methoden der quantitativen empirischen Sozialforschung, also in der computergestützten Analyse von Massendaten, ohne die heute kausale Zurechnungen nicht mehr denkbar sind. Durch die Verbindung von quantitativen und qualitativen Methoden wird eine umfassende Methodenausbildung angestrebt. Dies ist das dritte wichtige Lernziel, dem Forschung und Lehre dienen. Darüber hinaus werden folgende Gebiete in Forschung und Lehre besonders gepflegt. Im Bereich der Medizinsoziologie stehen die - international vergleichend behandelte - Thematik der Struktur des Gesundheitswesens sowie die Thematik der Behandlung und der Bewältigung von (vor allem chronischen) Krankheiten im Zentrum des Interesses. Organisationssoziologische Studien befassen sich mit konkreten Mechanismen der Ausübung von Herrschaft und Macht sowie mit der Frage, wie die spezifischen Organisationen der Industriegesellschaft den gesellschaftlichen Wandel prägen. Die gesellschaftlichen Formen der Entwicklung der Wissenschaften und der Technik werden besonders berücksichtigt. Weitere Forschungen gelten der Theorie und Empirie des Wohlfahrtsstaates, insbesondere der vergleichenden Sozialpolitikforschung auf den Gebieten »Alterssicherung« und »Armut«. Behandelt werden ebenfalls der zunehmende und sich wandelnde Einfluss der Älteren auf die Gesellschaft sowie die Probleme der Pflegebedürftigkeit und des Wohnens im Alter. Im Rahmen der Bevölkerungssoziologie wird untersucht, wie die Geburtenentwicklung auf den Arbeitsmarkt, auf die soziale Sicherung, auf den Wertewandel und auf gesellschaftliche Konfliktpotentiale einwirkt oder wie Heiratsmuster über Chancengleichheit, über gesellschaftliche Offenheit und soziale Abgrenzung und über außerberufliche Mobilitätsmuster informieren.

Institutionelle Verankerung

Das Fach Soziologie zählt an der Universität Heidelberg (zusammen mit Politische Wissenschaft und Wirtschaftswissenschaften) zur Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Das Institut befindet sich im Gebäude der ehemaligen Ludolf-Krehl-Klinik. Der Eingang zum Institut befindet sich in der Bergheimer Str. 58. Postanschrift des Instituts: Bergheimer Str. 58, 69115 Heidelberg.

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